Kann man Angst verstärken? – Warum du deinen Hund in Not nicht ignorieren solltest
- Melanie Ips

- vor 1 Tag
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 11 Stunden

“Ignoriere deinen Hund, wenn er Angst hat, sonst belohnst und verstärkst du seine Angst!"
Fühlt sich irgendwie falsch an, wenn du das liest? Dann hast du einen guten Riecher!
Diesen Rat hat fast jeder Hundehalter schon einmal gehört, doch was erstmal für viele logisch klingt und lange Zeit auch von Trainern empfohlen wurde, ist leider wissenschaftlich schon lange überholt – nun muss es sich nur noch im Alltag durchsetzen. Um es genau zu verstehen, müssen wir einen Blick unter die Oberfläche werfen.
Die zwei Ebenen: Keine Panik auf der Titanic mit der Eisberg-Metapher
Stell dir einen Eisberg vor: Die Spitze, der kleinere Teil, der aus dem Wasser ragt, ist das beobachtbare Verhalten. Der grosse, unsichtbare Teil unter der Oberfläche sind die Emotionen.
Der wesentliche Unterschied zwischen Verhalten und Emotionen liegt in der Sichtbarkeit, der neurobiologischen Steuerung und der Beeinflussbarkeit. Emotionen sind das interne Bewertungssystem, während Verhalten das meiste ist, was wir an der Oberfläche sehen.
Was genau bezeichnen wir als Emotionen?
Emotionen sind mehr als “nur Gefühle”. Sie sind komplexe Bewertungs- und Steuerungssysteme des Gehirns. Sie bewerten Situationen in Millisekunden hinsichtlich ihrer Bedeutung für Überleben und Wohlbefinden und entstehen automatisch, also ganz unbewusst und sind willentlich nicht steuerbar.
Sie beeinflussen Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Physiologie und Verhalten.
Aus Emotionen folgen unwillkürlich nicht bewusst steuerbare physiologische Reaktionen wie Hormonausschüttung, Herzschlagveränderung, Muskelspannung, Pupillenerweiterung, Atmung.
Wenden wir das auf die Emotion Angst an, umfasst das folgendes:
Aktivierung des FEAR-Systems
Aktivierung der Amygdala
Ausschüttung von Adrenalin und Cortisol
erhöhter Puls
erhöhte Muskelspannung
erhöhte Aufmerksamkeit
Angst entsteht im sogenannten limbischen System, genauer gesagt in der Amygdala (dem Mandelkern). Diese fungiert sozusagen als psychologischer Wachposten des Gehirns. Sobald sie eine Gefahrensituation erkennt, startet sie ein Notfallprogramm, das den gesamten Körper blitzschnell aufs Überleben programmiert. Die grundlegende Funktion von Angst ist also, Distanz von der Bedrohung zu schaffen und zu überleben.
Die Sinneseindrücke werden zuvor vom Thalamus gefiltert und auf verschiedenen Wegen an die Hirnareale weitergeleitet. Das läuft auf zwei Wegen ab:
Der „schnelle Weg“ führt direkt vom Thalamus zur Amygdala dauert nur zwischen 10-20 Millisekunden. Das ermöglicht schnelle, automatische Reaktionen auf potenzielle Gefahren.
Der “langsame Weg” verläuft über die Großhirnrinde und dauert 30-100 Millisekunden oder sogar noch mehr. Dort wird die Information genauer verarbeitet und eingeordnet, bevor sie ebenfalls die Amygdala erreicht.
Der Hund befindet sich also meistens zuerst in einer automatischen, vorprogrammierten Reaktion, bevor eine bewusste Bewertung abgeschlossen ist.
Und was genau bezeichnen wir als Verhalten?
Wie schon gesagt, Verhalten ist das, was wir an der Oberfläche wahrnehmen. Es umfasst was ein Tier tut, was beobachtbar, messbar und beschreibbar ist. Also Bewegung, Körpersprache, Lautäusserungen sowie Ausscheidungen. Es lässt sich in Dauer, Häufigkeit, Intensität und Latenz messen.
Das ist also zum Beispiel:
Bellen
Knurren
Flüchten
Erstarren
Hecheln
Nähe suchen
etc.
Die Frage ist nun: Was kann belohnt oder bestraft werden?
Die wichtigste Erkenntnis ist, dass operantes Verhalten verstärkt werden kann, Emotionen hingegen nicht.
Was ist operantes Verhalten?
Operantes Verhalten ist Verhalten, das durch seine Konsequenzen beeinflusst wird und dadurch in der Häufigkeit zunimmt oder abnimmt. Ein Tier zeigt dieses Verhalten also nicht zufällig, sondern weil es in der Vergangenheit mit einer bestimmten Wirkung verknüpft wurde.
Das heisst: Ich kann ein Verhalten wie „Sitzen bleiben“, „zu mir kommen“ oder „Bellen“ verstärken, wenn darauf eine positive Konsequenz folgt (zB. Leckerchen, Streicheln, Spielzeug). Der Hund wird es öfter und gerne zeigen, weil er damit etwas angenehmes erreichen kann. Der Vollständigkeit halber erwähnen wir auch Strafe, obwohl wir sie nicht im Training nutzen oder empfehlen: ein Verhalten wird umgekehrt weniger gezeigt, wenn der Hund dadurch unangenehme Situationen beenden oder vermeiden kann.
Die Emotion selbst – in diesem Fall Angst – ist jedoch kein Verhalten und damit nicht direkt verstärkbar. Ein Hund „lernt“ also nicht Angst zu haben, weil er dafür belohnt wird.
Biologie lässt sich nicht „verstärken“
Wir haben also bisher verstanden: Angst ist kein Verhalten, sondern eine biologische Reaktion. Angst ist kein Verhalten, das häufiger auftritt, weil der Hund danach belohnt wird.
Das Ziel von Angst ist es, Distanz zur Bedrohung zu schaffen. Die Angst selbst ist der Auslöser für das Angstverhalten (wie zum Beispiel Flucht).
Also wie können wir die Angst beeinflussen?
Was passiert also wirklich, wenn wir unseren ängstlichen Hund trösten oder “Leckerchen werfen”, statt ihn zu ignorieren? Wir nutzen zwei starke biologische Mechanismen:
Social Support & Oxytocin:
Sucht der Hund Nähe und Schutz bei seinem Menschen und dieser reagiert gelassen, gewährt Nähe und bietet Schutz, wird das Hormon Oxytocin ausgeschüttet. Oxytocin ist der natürliche Gegenspieler zum Stresshormon Cortisol: es senkt den Blutdruck und reduziert die Angst aktiv. Soziale Nähe ist also eine wunderbare biologische Methode zur Stressbewältigung.
Übrigens: Cortisol hält sich deutlich länger als Oxytocin im Kreislauf des Hundes. Das heisst, dass es kein folgenloses Ausgleichsgeschäft ist. Hatte dein Hund einen sehr stressigen Tag, viel oder lange Angst, eine oder mehrere grosse, heftige Reaktion, braucht der Körper mehrere Tage, um das Hormon vollständig abzubauen. Gib ihm also mal ein, zwei Tage Pause von grossen Herausforderungen. Hat er ständig Erlebnisse, die ihn stark stressen, kann das zum “Stress Stacking” führen, also einem Ansammeln von Cortisol, was den Hund in Dauerstress setzt. Logisch, dass er in diesem Zustand noch stärker auf negative Reize reagiert – er KANN gar nicht anders.
Gegenkonditionierung (KER, engl. CER):
Für die Gegenkonditionierung nutzen wir das Prinzip der klassischen Konditionierung: Dabei lernt das Gehirn, dass auf einen zuvor bedeutungslosen Reiz (zB. ein Wort, Geräusch, Anblick, Geruch), ein emotional bedeutsames Ereignis folgt. Dieser Lernprozess passiert unbewusst. Er wird nicht mit einem Verhalten verknüpft, das belohnt wird. Das einfachste Beispiel ist das Rascheln der Futtertüte: Sie kündigt die Fütterung an, ohne dass der Hund etwas dafür tun muss. Sie löst Vorfreude aus, ohne dass der Hund sich bewusst für eine Reaktion entschieden hat. Das wäre eine positive konditionierte Emotionale Reaktion (KER, engl. CER). Und natürlich gibt es auch negative KER, die den Hund zum Beispiel in Angst versetzen.
Negativen Emotionen können wir mit einer positiven KER entgegenwirken: Werfen wir Futter oder loben den Hund, lernt das Hundeköpfchen nach und nach, dass der zuvor negativ empfundenen Reiz eine positive Erfahrung ankündigt. Angst wird im besten Fall durch eine positive Erwartungs überschrieben.
Ein Leckerchen, ein freundliches Wort, ein Knabbersnack in der Angstsituation wirkt als Stimmungsaufheller.
Du ahnst es schon…
So wie die Gegenkonditionierung positive Emotionen in das Köpfchen programmieren kann, können auch negative Emotionen programmiert werden und die Angst verschlimmern:
Die Gefahr von Bestrafung und Ignorieren
Wird Angstverhalten bestraft, kann das Verhalten zwar kurzzeitig verschwinden, doch die zugrundeliegende Emotion verschwindet dadurch nicht – im Gegenteil: Strafe wirkt als zusätzlicher Stressor und kann die Angst bzw. den allgemeinen negativen emotionalen Zustand verschlimmern. Die Folgen? Vielschichtig und individuell, aber in jedem Fall schlimmer: heftigere Flucht, steigende oder neu auftretende Aggression oder leider auch ein Zustand der erlernten Hilflosigkeit (tiefe psychische Resignation).
Auch Ignorieren kann für den Hund wie Strafe wirken. Sucht er Schutz bei seinem Menschen und wird abgewiesen, steigt der Stress, weil seine Strategie um die Situation zu verbessern dann nicht funktioniert. Diese negativen Folgen bestätigen dem Hund, dass seine Angst berechtigt war, und können das Vertrauen in seine Bezugsperson schwächen.
Noch eine Anmerkung aus der Forschung: In Studien steckte bei etwa 15 % der Angsthunde eine medizinische Ursache – wie unentdeckte Schmerzen – mindestens angstverstärkend hinter dem Verhalten. Bei Verhaltensauffälligkeiten und Änderungen im Verhalten des Hundes ist es daher immer gut, einen Blick auf die Gesundheit zu werfen.
Die grosse Frage nun: Wie sollte man sich denn nun verhalten, wenn der Hund Angst hat?
Gerade beim Spaziergang kann man die Angstauslöser nicht immer gut kontrollieren oder vorhersagen. Aber wir tun unser bestes:
Ist der Angstauslöser schon länger sichtbar, lass es gar nicht zur Panik kommen. Achte auf die Anzeichen von Anspannung (Fixieren, Einfrieren, langsamer werden). Warte nicht, bis nichts mehr geht: Ein ruhiger Rückzug auf Entfernung ist immer besser, als eine hektische Flucht. Schlage einen grossen Bogen um den Angstauslöser und nutze deine Umwelt als Sichtschutz: parkende Autos, Hecken, Mauern – sieht der Hund den Auslöser nicht mehr, sinkt der Stresspegel schneller.
“Da muss er jetzt durch” – Nein, muss er nicht!
Den Hund durch eine Situation zu zwingen, kann dazu führen, dass die Angst beim nächsten mal noch grösser ist und das Angstverhalten heftiger wird.
Übe mit deinem Hund lieber ein Signal für den gemeinsamen geordneten Rückzug: “Lass uns gehen”, “Umdrehen”, “Rückzug” – such dir ein Wort aus und übe mit deinem Hund an der Leine auf Signal hin gemeinsam eine Kehrtwende zu machen. Das gibt ihm Sicherheit, da er vorhersehen kann, dass ihr euch jetzt vom Auslöser entfernt. Vorhersehbarkeit gibt Sicherheit!
Warum Locken und das Werfen eines Leckerchen ZUM Angstauslöser übrigens nicht unbedingt empfehlenswert ist:
Lockst du den Hund mit Futter in die Nähe des Auslösers, ist der Motivator verschwunden, sobald der Hund es gefressen hat. Er findet sich plötzlich ohne positiven Reiz viel näher am Auslöser, als für ihn eigentlich angenehm war und der Stress schiesst wieder in die Höhe. Der Rückzug erfolgt oft noch schneller wieder und er hat eine negative Erfahrung gemacht.

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